
Parabeln und Gleichnisse für ein glückliches Leben
Muso, der große Lehrer,
und einer der berühmtesten Meister seiner Zeit,
verließ in Gesellschaft eines Schülers die Hauptstadt,
um in eine abgelegene Provinz zu reisen.
Angekommen am Tenryu-Fluss
mussten sie eine Stunde warten,
ehe sie an Border der Fähre gehen konnten.
Eben wollte die Fähre schon ablegen,
da kam ein betrunkener Samurai angerannt
und sprang in das überfüllte Boot,
das davon zu kentern drohte.
Während das kleine Boot auf das andere Ufer zusteuerte,
torkelte er wild herum.
Der Fährmann, um die Sicherheit der Passagiere
besorgt, bat ihn sich ruhig zu verhalten.
„Wir sind hier ja wie die Sardinen!“, schimpfte der Samurai.
Dann, auf Muso zeigend: Warum werfen wir nicht den Bonzae raus?“
„Bitte gedulde dich,“ sagte Muso. „Bald sind wir drüben.“
„Wie?!“, brüllte der Samurai, „ich und mich gedulden!?
Hör zu, wenn du nicht sofort über Bord springst,
Werd ich dich ersäufen, ich schwör´s dir!“
Die Ruhe des Meisters brachte den Samurai dermaßen auf,
dass er Muso mit seinem eisernen Fächer
einen Schlag auf den Kopf gab, der zu bluten begann.
Da reichte es Musos Schüler, und weil er kräftig gebaut war
wollte er den Samurai herausfordern:
„Ich kann nicht zulassen,
dass er nach so etwas noch am Leben bleibt!“, sagte er.
„Warum regst du dich über so eine Lappalie dermaßen auf?“,
sagte Muso lächelnd.
„Gerade in einer Situation wie dieser erweist es sich,
was man vom Meister gelernt hat.
Geduld, musst du wissen, ist mehr als ein bloßes Wort.“
Daraufhin dichtete er spontan folgendes Waka:
„Der Schläger und der Geschlagene:
bloße Spieler in einem Spiel – so flüchtig wie ein Traum.“
Kaum war die Fähre angelangt
und Muso mit seinem Schüler ausgestiegen,
kam der Samurai angerannt
und warf sich dem Meister zu Füßen.
Dann und dort wurde er Musos Schüler.
Aus: Der Mann, der die Möwen liebte. Osho kommentiert Gleichnisse aus dem Buddhismus, Taoismus, Judentum, Christentum. Innenwelt Verlag, 2010.